Wir Biologen haben es auf dem Arbeitsmarkt nicht leicht. Nach einem Studium, das uns, trotz der Versprechungen des Bolognaprozesses, hauptsächlich auf die akademische Forschung vorbereitet, stehen viele Bachelorstudenten, Masterstudenten und Promovierte vor der gleichen Frage, die man auch nach dem Abi hatte: Was will ich denn mal werden? Nach Diplomarbeit, Doktorarbeit und Postdoc stand ich wieder vor dieser Frage. In diesem Artikel habe ich meine persönlichen Erfahrungen, Beobachtungen und Überlegungen niedergeschrieben, die sich über die Jahre angesammelt haben, in der Hoffnung, dass sie anderen in derselben Situation weiterhelfen. Ich beleuchte das Biostudium in diesem Artikel bewusst in dem Kontext, einen Job in der Industrie zu finden. Studieren ist für viele, mich eingeschlossen, aber sehr viel mehr als nur ein Mittel zum Zweck, und das ist sehr wichtig. Wissensdurst, Forschung, die Möglichkeit, viele neue Dinge zu lernen und das Studentenleben waren viel wichtiger für mich als Jobperspektiven, genau um diese geht es hier jedoch. Zu mir: Abitur 2004, Diplomstudiengang Biologie an der TU Darmstadt 2004–2009, Promotion in der Biophysik an der GSI 2010–2013, Postdoc auch dort 2013–2014, in der Industrie seit 2014. Ich habe keine externen Praktika während des Studiums absolviert, hatte einen Job als Werkstudent und habe bei Laborpraktika mitgeholfen.

Dieser Artikel spiegelt meine persönliche Meinung und Erfahrung wider. Es ist möglich, dass andere Biologen die hier dargestellten Punkte anders betrachten. Die meisten dieser Einsichten wurden mir erst in der Retrospektive klar.

Warum nicht in der akademischen Forschung bleiben?

Meine Gründe waren:

Muss ich noch mehr sagen? Ich wäre am liebsten für immer in der Forschung geblieben, weil es einfach Spaß macht, aber nicht unter diesen Umständen. Solange die Politik nicht ganz klar im Sinne der Wissenschaftler handelt, wird sich auch nichts ändern.

Über Biologie als Wissenschaft

Biologie ist ein sehr schönes Fach, weil wir und alles um uns herum letztlich auf biologischen Prozessen aufbaut, die auf chemischen Prozessen aufbauen, die auf physikalischen Prozessen aufbauen. Alles, was unser Leben im Wesentlichen berührt, hat mit Biologie zu tun. Es gibt überwältigend viel zu lernen und zu erforschen und es ist immer ein gutes Gesprächsthema.

Physik ist eine Bottom-Up-Wissenschaft, die Naturgesetze von unten, also den subatomaren Teilchen und deren Wechselwirkungen, betrachtet und dadurch extrem präzise mathematische Modelle hat. Biologie ist eine Top-Down-Wissenschaft: Organismen sind extrem komplexe Systeme aus bis zu Billiarden von extrem komplexen Zellen, die pro einzelner Zelle (!) aus Abermilliarden von ebenso komplexen Gebilden bestehen, die wiederum Milliarden komplexe, chaotische Wechselwirkungen miteinander haben. Es ist nach heutigem Stand der Technik nicht möglich, aufgrund dieser Wahnsinnskomplexität biologische Systeme als Ganzes und mit derselben Präzision wie physikalische Systeme zu betrachten. Wir können die Biologie daher nur von oben nach unten aufdröseln (“Top-Down”) und daraus mittels statistischer Betrachtung Funktionsweisen ableiten, was Aberhunderttausende von Forschern seit vielen Jahrzehnten in Vollzeit beschäftigt. Es ist wichtig zu verstehen, dass es sehr schwer ist, in der Biologie definitive Aussagen zu Ursache und Wirkung zu treffen, eben aufgrund dieser Komplexität. Wenn Du Biologie studierst, wirst Du das Aufdröseln lernen und einen kleinen, aber wichtigen Beitrag zum Verständnis der Welt leisten. Für einen Wissenschaftler ist nichts erfüllender als die Einsicht, die Welt ein kleines Stück weiter gebracht zu haben.

Vor dem Studium

Herzlichen Glückwunsch, Du hast Dich für ein Studium der Biologie entschieden. Ich wusste schon immer, dass ich Biologe und Forscher werden wollte und habe das Studium dementsprechend sehr genossen. Es ist fantastisch, das Ökosystem bis herunter auf die DNA kennenzulernen und zu verstehen, und später in Abschlussarbeiten Dinge herauszufinden, die noch niemand vor Dir herausgefunden hat. Selbst einige Jahre danach habe ich noch nichts gefunden, was auf diese Art erfüllender ist. Auch in der Lehre das Wissen an Studenten weiterzugeben, hat mir sehr großen Spaß gemacht.

Du musst allerdings wissen, worauf Du Dich einlässt und dass der Erfolg von deinem Typ abhängt. Hier ist es wichtig, dass Du ehrlich mit Dir selbst bist: Wenn Du Biologie studieren willst, weil Du eigentlich nicht weißt, was Du machen möchtest, Biologie aber in der Schule “ganz nett” fandest, lass es direkt sein. “Du begibst Dich in eine Welt des Schmerzes”, wie Walter es in The Big Lebowski treffend formuliert hat. Das Material des gesamten Bio LKs wurde in meinem Studium in den ersten 4 Wochen nochmal “als Einführung” durchgenommen. Du darfst keine Angst vor Mathe, Statistik, Physik und Chemie haben, diese sind essenziell! Es gibt viel auswendig zu lernen, viel zu verstehen, viel handwerkliches im Labor zu lernen. Das muss man mögen! Biologie “ganz nett” zu finden reicht dafür nicht. Wenn Du hingegen immer gerne hinter die Dinge geschaut hast und Dich schon immer sehr für Naturwissenschaften interessiert hast: Go for it! Etwas besseres kann Dir nicht passieren!

Das sind natürlich die beiden Extreme einer Bandbreite. Das Studium einer Naturwissenschaft erfordert Neugier, Wissensdurst, Frusttoleranz und Durchhaltevermögen. Du wirst das problemlos schaffen, wenn Du ein tiefgreifendes Interesse an der Thematik hast. Du wirst auch einen Job finden. Das ist aber in anderen Fächern leichter. Überlege Dir, ob Physik oder eine Ingenieurwissenschaft für Dich nicht auch in Frage kommt. Man kann Studienfächer auch wechseln, dadurch zieht sich Dein Studium aber in die Länge.

Während des Studiums

Es ist schwierig, als “Feld-Wald-Wiesen-Biologe” (Witz beabsichtigt) einen Job zu finden, weil man a) im Studium keine in der Industrie gefragten, fachfremden und praktischen Kenntnisse vermittelt bekommt und b) sehr viel Konkurrenz hat. Ich habe mal auf einer Jobmesse ein Unternehmen vertreten. An unserem Stand waren etwa 200 Personen an diesem Tag und haben Fragen gestellt, unter diesen sehr viele jobsuchende Biologen. Jeder und jede dieser Biologen konnte exakt das Gleiche: PCR, ELISA, Flow Zytometrie, Fluoreszenzmikroskopie. Niemand konnte sich von der Masse abheben, und genau das ist das Problem: Unternehmen werden überschwemmt von Leuten, die alle das Gleiche können. Um an einen guten Job zu kommen, muss man sich von der Masse abheben.

Wichtig: Sich von der Masse abheben!

Es gibt mehr als genug Biologen auf dem Markt, die die Standardmethoden abdecken. Wenn man eine Stelle in der industriellen Forschung haben will, dann konkurriert man mit vielen anderen Biologen. Vor allem in der Pharmabranche in Forschungsabteilungen ist das ein Problem, weil ein Pharmazeut oder Biochemiker viel besser auf die meisten Stellen passt und Bewerber aus diesen Fächern oft gewinnen. Wenn man als (in meinem Fall durchschnittlicher) Biologe an eine interessante Stelle rankommen will, ist es gut, sich schon während des Studiums so früh wie möglich ein zweites Standbein aufzubauen. Das heißt nicht zwangsläufig, dass Du nur das zweite Standbein später als Job machst—die Kombination mit der Naturwissenschaft macht es! Leute mit der Fähigkeit, zwischen Naturwissenschaftlern und Personen aus anderen Fachgebieten zu vermitteln und zu übersetzen, sind sehr gefragt, Stichwort “Schnittstellenfunktion”. Es gilt, Erfahrung in Themen zu sammeln, die

  1. in der Industrie gefragt sind und
  2. nicht auf dem Lehrplan stehen.

Beispiele hierfür sind

Das sind für sich alleine genommen nicht gerade die interessantesten Bereiche, zugegeben, aber man kann sich viele dieser Fähigkeiten im Rahmen von Praktika in der Industrie, Werkstudentenjobs und in Unigruppen aneignen, die wieder mit Biologie zu tun haben. Das macht sich alles sehr gut im Lebenslauf. Es ist jetzt schon hilfreich, Trends zu beobachten und auch Stellenangebote anzusehen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was gefragt ist.

Ich hatte mich schon immer für Softwareentwicklung interessiert und habe das im Studium und später Doktorarbeit weiter ausgebaut, indem ich zur Datenanalyse Skripte gebaut und nebenbei Webentwicklung gemacht habe, ohne zu wissen, dass ich damit mal meine Brötchen verdienen werde. Das war fachlich selbstverständlich nicht auf dem Niveau eines studierten Informatikers, aber gut genug. Dieses Wissen hat sich als sehr vorteilhaft herausgestellt für die Jobsuche. Du solltest Dich allerdings nicht quälen mit einem Thema, es sollte etwas sein, was Dich wirklich interessiert und Spaß macht. Trotz des eng getakteten Bachelor- und Masterstudiengangs solltest Du unbedingt Zeit investieren, um über den Tellerrand zu schauen. Es lohnt sich!

Promovieren, ja oder nein?

Die Antwort lautet für Biologen aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten (leider) ausschließlich ja, es sei denn natürlich, Du hast Glück und nach der Masterarbeit einen Job gefunden, der Dir gefällt. Ein Doktortitel bringt Dir bessere Jobchancen, u. a. auch weil er zeigt, dass Du Dich in ein Thema einarbeiten kannst, organisiert bist und längere Stressphasen durchhältst. Ich habe schon Leute sagen hören—und ich gebe ihnen recht—dass der Doktortitel im Wesentlichen ein Softskill-Zertifikat ist, wenn man ihn im Kontext der Jobsuche betrachtet. Wenn Du eine akademische Laufbahn anstrebst, brauchst Du einen Doktortitel, um überhaupt Stellen finden zu können.

Nun hat das aber auch eine gewaltige Kehrseite: Promovieren ist extrem stressig. Du wirst unter Druck stehen, wie Du noch nie unter Druck standest und (schlecht bezahlt) arbeiten, wie Du noch nie gearbeitet hast. Über Dir schwebt immer das Fallbeil. Es gibt keinen Garant dafür, dass Du das aushältst. Du kannst an Doktorväter und -mütter geraten, die absolut furchtbar sind und Dir das Leben zur Hölle machen, Burnout inklusive (meine Chefin war angenehm und fair, Chefs verschiedener Bekannte waren das genaue Gegenteil). Es gibt keine Garantie, dass das Thema, das Du bearbeitest, brauchbare Ergebnisse liefert (dazu in einem weiteren Post mehr). Ein Professor sagte mal, ein wesentliches Ziel der Doktorarbeit ist, nicht durchzudrehen.

Für mich war es eine absolut fantastische Zeit im Rückblick. Ich habe meine Grenzen kennengelernt, viel über Biologie, Wissenschaft und mich selbst gelernt und mich zu einem Wissenschaftler entwickelt. Ich sage, mach es, wenn Du die Chance hast—andere würden davon abraten.

Ein Wort der Warnung: Viele Doktorandenverträge sind Stipendien. Diese werden von Instituten ausgestellt, um auf Deine Kosten Geld zu sparen. Ein Stipendienvertrag bedeutet, dass Dein Arbeitgeber keine Renten-, Sozial- und Krankenversicherung zahlt. Du musst dafür selbst aufkommen, sonst hast Du später eine unter Umständen gewaltige Rentenlücke. Ich finde diese Praxis eine absolute Unverschämtheit und rate allen davon ab, Stipendienverträge zu unterschreiben. Poche auf einen regulären Vertrag oder gehe woanders hin.

Promoviert, was nun?

Herzlichen Glückwunsch! Es ist ein Grund zum Feiern, Du hast eine verdammt harte Zeit hinter Dich gebracht und gezeigt, dass Du ein Thema eigenständig und erfolgreich bearbeiten kannst. Mach erstmal Urlaub für einen Monat, wenn möglich. Dann kannst Du Dich der Frage widmen, wie es weitergehen soll.

Postdoc?

Wenn Du nicht daran interessiert bist, in der Forschung zu bleiben, würde ich allerhöchstens einen kurzen Postdoc zur Überbrückung vorschlagen, aber nicht mehr. Man hört hin und wieder Geschichten von Leuten, die nach 2–3 Postdocs Labhead in der Pharmaindustrie wurden, aber auf dieses Pferd würde ich nicht setzen. Je früher man in die Industrie geht, desto besser. Akademische Erfahrung als Postdoc wird nicht als echte Berufserfahrung gewertet! Wenn Du erstmal einen Industriejob hattest, ist es einfacher, einen neuen Job zu finden.

Industriejobs finden

Wie findet man einen Industriejob als Biologe? Erstens, Jobbörsen, zweitens, Networking. Unter den Jobbörsen ist für uns Biologen Jobvector die wichtigste, StepStone folgt direkt im Anschluss. Hier einfach Branchen, die Dich interessieren, rausfinden, idealerweise etwas breiter, und die E-Mail Newsletter abonnieren. Lies Dir Jobangebote durch, auch, wenn sie Dich nicht interessieren, so bekommst Du einen Überblick, was es da draußen gibt und welche Skills gefordert werden.

Zum Thema Netzwerken: Gut gepflegte XING und LinkedIn Profile (ja, bitte beides!) sind heutzutage ein Muss. Für wissenschaftliches Netzwerken gehört noch ResearchGate dazu (auch, wenn ich es wegen der nervigen UI nur schweren Herzens empfehle). Verbinde Dich mit allen Leuten, die Du kennst und gib alle Fähigkeiten an, die Du hast, auch Soft Skills. Headhunter suchen bei XING und LinkedIn über Stichworte zu Skills nach Leuten. Wenn Du im Studium bereits über den Tellerrand geschaut hast und beispielsweise kleine Projekte gemanagt, Software entwickelt oder in einer Hochschulgruppe eine wichtige Aufgabe übernommen hast, dann gehört das in den Lebenslauf und auf die Profile.

Bewerben

Bewirb Dich am Anfang auch auf Stellen, die nicht hundertprozentig interessant für Dich sind. Gib Dir trotzdem hundertprozentig Mühe beim Anschreiben und Lebenslauf. Ein Grund hierfür ist, dass man Bewerben üben muss. Du wirst beim Schreiben wahrscheinlich merken, dass Du gar nicht genau weißt, was Du eigentlich kannst und willst. Einen Job zu finden ist ein Prozess, das eigentliche Schreiben der Bewerbung ist nur ein kleiner Teil davon. Viel essenzieller war für mich, hierdurch herauszufinden, was ich will, was ich kann und wie ich das überzeugend formuliere.

Ein weiterer Grund für ein etwas “breiteres” Bewerben ist der Fakt, dass sich hinter Stellen oft mehr verbirgt, als in der Beschreibung steht. Oft kann man, wenn man einmal im Unternehmen ist, intern wechseln. Außerdem kommt es vor, dass man in einem Bewerbungsgespräch mehrere Stellen zur Auswahl angeboten bekommt.

Vorstellungsgespräche

Es gibt zu Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen viele Punkte zu sagen, die aber in allgemeineren Artikeln auf anderen Seiten schon tausendfach erörtert wurden. In Vorstellungsgesprächen ist offenes und solides Auftreten wichtig. Für uns Biologen ist es besonders wichtig, nicht einfach den Lebenslauf und die Methoden durchzurattern, sondern eine wahre und kohärente Geschichte über uns zu erzählen. Wofür arbeiten wir, was motiviert uns, warum haben wir diese oder jene Entscheidungen getroffen, wo wollen wir hin? Es ist auch wichtig, wenn wir über unsere Forschung sprechen, dies zielgruppengerecht zu verpacken und zu vereinfachen. Kein Personaler wird verstehen, was die antiinflammatorische Wirkung von Transforming Growth Factor Beta auf den Endothellayer ist. Jeder Personaler versteht aber, wenn Du Sachverhalte nicht klar darstellen kannst. Überlege Dir diese Antworten vorher.

Das Biologenstigma

Zuletzt will ich über den Umgang mit einem Phänomen schreiben, das ich als “Biologenstigma” bezeichne. Es handelt sich hierbei um die Art, wie einem begegnet wird, wenn man sagt, dass man Biologe ist. Die Reaktionen reichen von Fragen zur Gesundheit von diversen Zimmerpflanzen, über verwundertes Nachfragen, was man denn in Branche XY zu suchen hat, bis absolutes Interesse und Nachfragen über den Werdegang, die eigene Forschung und deren Ergebnisse. Die letzte Reaktion ist die schönste. Die zweite Reaktion ist die häufigste, jedoch meistens netter formuliert. Es ist—auch für unsere gesamte Zunft—sehr wichtig, diese Fragen respektvoll zu beantworten und durch gute Arbeit zu beweisen, dass man eben kein Dr. Fachidiot ist, der nur Blümchen zählen kann (dieses Klischee gibt es tatsächlich). Das funktioniert nicht immer sofort und erfordert Übung.

Ich habe das Biostudium nie bereut. Alles Gute und viel Erfolg!

Fragen, Anregungen und Kommentare gerne per E-Mail!